Der stille Sturm

Im Frühjahr 2020 besuchen Regisseurin Cristina Yurena Zerr und ihr Partner Jakob dessen Heimat Jabing, ein Siebenhundertseelendorf im Burgenland. Aus Tagen werden Monate, und Zerr beschließt, die aufgenommenen Fäden um die ehemalige Dorfwirtin und Großmutter Fannie, die fortdauernde Pandemie und Jakobs Einsatz auf dem Seenotrettungsschiff Sea-Watch 4 weiterzuspinnen. Nach und nach offenbaren sich inmitten des kleinen Orts die Widersprüche der großen Welt.

„Wie durch ein Guckloch“ schaut Regisseurin Cristina Yurena Zerr aus dem Siebenhundert-Seelen-Dorf im burgenländischen Jabing. Hierhin haben sie und Partner Jakob sich zurückgezogen, um die ersten Wochen der Pandemie zu verbringen. Aus einem Kurzbesuch werden zwei Monate. Jakob stammt aus Jabing, seine Eltern und Großmutter Fannie, mittlerweile über neunzigjährig, leben unter einem Dach. Und Fannie ist es auch, für die Zerr ein besonderes Interesse entwickelt. Sie befragt die einstige Dorfwirtin, die in jungen Jahre nach Kanada auswanderte und nun mit dem Alter kämpft, zu ihrem Befinden bezüglich der neuen Lage mit einem unbekannten Virus und verziert, zur großen Freude der alten Dame, einen selbstgebackenen Schokoladenkuchen aufwendig mit Blütenblättern. Die Tage im Burgenland werden zum Auftakt für Zerrs Film, der beginnt, dringliche Fragen und Aufgaben unserer Zeit miteinander zu verschränken. So engagiert sich Jakob im Verein Sea-Watch, der sich der zivilen Seenotrettung an den Grenzen Europas verschrieben hat. Als er für mehrere Monate mit dem Schiff Sea-Watch 4 im Mittelmeer unterwegs ist, gesteht Fannie, dass sie die Gedanken an den Enkel nachts um den Schlaf bringen. Jakob, der zuvor als Religionslehrer an einem Wiener Gymnasium unterrichtet hat, verbindet Engagement und Glaube. Im stark katholisch geprägten Jabing ist er auch verantwortlich für die Aufstellung einer Gedenktafel für die ermordeten Roma und Romnija des Ortes. Zerr sagt in einem Voice-over: „Im Ringen mit seiner Religion versucht er, ein Christsein zu leben, das Herrschaft ablehnt. Die Auferstehung als Appell, aufzustehen. Ein Aufruf zum Aufstand gegen geheuchelte Barmherzigkeit und Unterdrückung.“
Geheuchelte Barmherzigkeit und Doppelmoral stoßen Zerr im weiteren Verlauf der Pandemie derweil immer stärker auf. Der viel beschworene gesellschaftliche Zusammenhalt endet für sie etwa dort, wo einer nach Jabing geflüchteten irakischen Familie die Abschiebung droht. „Wir säßen alle im selben Boot, so lautet eine Erzählung in dieser globalen Pandemie. Doch ich glaube ihr nicht. Vielleicht befinden wir uns im selben Sturm, doch auch dieser wütet unterschiedlich stark“, resümiert sie. Und auch wenn in Jabing nur ein Windhauch davon zu spüren ist, zeigt Der stille Sturm, wie auch im Kleinen die großen Narrative zusammenlaufen. So gelingt Fannies Pflegerin Gyöngyi manchmal das Passieren der österreichisch-ungarischen Grenze – und manchmal nicht. Oder Fannie erinnert sich ihrerseits an die Auswanderungswellen aus dem Burgenland nach Nordamerika. Ganz offiziell, mit Visum, wie Jakob bemerkt – und damit auf die ungleich schwierigere Situation der nach Europa flüchtenden Menschen verweist. Das winzige „Guckloch“ Jabing wird in Zerrs Film also doch zum Schauplatz, der die Regisseurin inspiriert wie nachdenklich stimmt.
(Katalogtext, cw)

AT 2021, 88 Min., FSK ab 12 Jahren
AT 2021, 88 Min., FSK ab 12 Jahren
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