Tropical Malady

Zum ersten Mal kommt mit Tropical Malady ein Film des Thailänders Apichatpong Weerasethakul in die deutschen Kinos. Endlich muss man sagen, denn Weerasethakuls Bildsprache und Erzählweise sind von betörender Qualität. Um diese allerdings zu würdigen, bedarf es viel Ruhe und Geduld, denn dies ist ein Film, der hohe Aufmerksamkeit verlangt, vor allem aber das Ablegen konventioneller Erwartungen.

Ganz am Anfang von Tropical Malady gibt es eine Einstellung, die die ganze Brillanz, die subtile Qualität von Apichatpong Weerasethakuls Regie vor Augen führt. Eine Gruppe von Soldaten trägt die Leiche eines Mannes weg, sie lachen, plaudern per Funk mit ihrem Hauptquartier, ein Popsong beginnt zu spielen. Die Kamera steht auf Augenhöhe im Gras und beobachtet die Soldaten, wie sie sich seitlich durch das Bild bewegen und im Hintergrund aus dem Blickfeld verschwinden. Eigentlich eine eindeutig objektive Kameraeinstellung doch auf einmal bewegt sich die Kamera nach vorne, fährt schwerelos durch das Gras, der objektive Blick verwandelt sich in eine subjektive Perspektive. Ein bemerkenswert einfacher Effekt ist dies, dessen Implikationen für das Verständnis des Films jedoch vielfältig sind. Denn wessen Perspektive man in diesem Moment einnimmt ist unklar. Möglicherweise die eines Geistes, der dem Körper des toten Mannes entsprungen ist. Möglicherweise wechselt der Geist nun den Körper und ergreift von einer der beiden Hauptfiguren des Films ? den jungen Männern Keng und Tong ? Besitz. Möglicherweise, denn was Weerasethakul in diesem Film erzählt, ist offen für vielfältige Interpretation, bleibt meist ambivalent und wird ganz selten eindeutig.

Was klar ist, ist das Keng Soldat ist, der in der thailändischen Provinz stationiert ist und viel Zeit mit Tong verbringt, der in einem nahe gelegenen Dorf wohnt. Dieses Verhältnis, dass der erste Teil des Films schildert, scheint auf den ersten Blick offensichtlich zu sein, leicht verständlich, gerade im Vergleich zum surrealistisch anmutenden zweiten Teil. Schärft man jedoch den Blick, beobachtet mit welch bizarrer Freundlichkeit die Menschen miteinander umgehen, mit welcher Gleichmut die homosexuelle Beziehung zwischen Keng und Tong in der nicht unbedingt liberalen thailändischen Gesellschaft hingenommen wird, dann wirkt auch dieser scheinbare Realismus nicht mehr von dieser Welt. Und schon hier finden sich immer wieder Anspielungen an traditionelle Mythen und Sagen, die im zweiten Teil im Vordergrund stehen werden.

Denn eines Tages verschwindet Tong spurlos aus seinem Dorf. Fußspuren deuten darauf hin, dass er von einem wilden Tier gefressen wurde, möglicherweise einem verzauberten Tiger, der von den Seelen seiner Opfer Besitz ergreift. Keng macht sich auf die Suche und begibt sich in den dichten Dschungel. Was er dort erlebt kann als Traum oder Albtraum, vielleicht auch einfach als vom Fieber verursachte Vision beschreiben werden. Er begegnet einem Tiger, der manchmal in der Gestalt Tongs auftritt, einem Affen, der bizarre Aphorismen von sich gibt und Keng vor die Wahl stellt: Entweder den Tiger töten und Tong aus der Geisterwelt befreien oder sich fressen lassen, um selbst Teil dieser Welt zu werden. Eine Auflösung im klassischen Sinne darf man nicht erwarten, möglicherweise hat man das Ende der Geschichte auch schon ganz am Anfang des Films gesehen. Vielleicht funktioniert Tropical Malady ? ähnlich wie David Lynchs surrealistisch anmutendes Meisterwerk Lost Highway ? auch als endlose Geschichte, als Möbiusband, in der es keine eindeutige Erklärung gibt. Dies würde der zyklischen Natur des Films, vor allem aber der zyklischen Natur des Lebenskreislaufes entsprechen, auf den immer wieder verwiesen wird. Das Verhältnis zwischen Mensch und Natur steht ebenso im Mittelpunkt wie der Einfluss von mythischen Erzählungen auf das normale Leben.

Abgesehen von der inhaltlichen Komplexität ist Tropical Malady auch von hoher filmischer Qualität. Neben den schon angedeuteten visuellen Eigenschaften ist es vor allem die Tonspur, die zur traumhaften Stimmung des Films beiträgt. Gerade die Dschungelszenen der zweiten Hälfte sind so reich an Tönen von Insekten, Tieren, Pflanzen, das die Illusion des Eintauchens in eine ferne, mysteriöse Welt vollkommen ist.



2005, 118 Min., FSK ab 18 Jahren
2005, 118 Min., FSK ab 18 Jahren
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