Tango im Kino: Ein Schuss in der Nacht

Ein Tangoorchester „típica“, zwölf Sänger und zwölf neue Lieder, alles zusammen aufgenommen an einem einzigen 5-stündigen Aufnahmetag.

„A shot in the night“ versammelt die wichtigsten Vertreter des zeitgenössischen Tangos und markiert einen Wendepunkt in der Diskographie dieses argentinischen Kulterbes.

Der von Regisseur Alejandro Diez komplett in Buenos Aires gedrehte Dokumentarfilm zeigt hinter die Kulissen dieser Albumproduktion und beschreibt die Philosophie, die der Studioarbeit vorausgeht, ohne gleichzeitig einen frischen Blick auf den aktuellen Tango zu verbergen.

Ein neues goldenes Zeitalter des Tangos forderte nicht nur die Musik, sondern auch den Wert des Liedes für die Entwicklung unseres populären Genres.



FILMKRITIK: nsere durch Milongas geprägte Tangowelt kennt nur in Ansätzen die
musikalische Entwicklung des Tango im 21. Jahrhundert. Neue Tangos werden
wenig gespielt, eher schon Neo- und NonTangos. Dabei müssen wir uns vor Augen halten, dass es heute allein in Argentinien grob geschätzt 1500 aktive Tangomusiker gibt. Die spielen nicht nur die bewährten Hits der alten und der neuen Garde oder der Época de Oro. Es ist eine lebendige, kreative Szene mit einem eigenen künstlerischen Anspruch. Entsprechend gibt es hunderte von Tangos, Walzern und Milongas, die seit 1995 komponiert wurden. Sie verarbeiten die Realitäten von heute und die musikalischen Einflüsse seit den
70er-Jahren. Tango von heute hat musikalisch betrachtet häufig Bezugspunkte
zum Rock, zum Jazz, zur E-Musik und selbstverständlich zu Piazzolla.


Schlaglicht auf die Szene

Un Disparo en la Noche von 2012 fokussiert auf die Entstehung des gleichnamigen Albums von Julian Peraltas Orquesta Típica. Es ist aber doch ein breiteres Schlaglicht auf die Szene, weil Julian Peralta hier eine Art programmatische Leistungsshow des neuen Tango Canción (gesungene Tangos)
zusammengestellt hat. Kürzlich sagte er uns: „Diese CD ist eigentlich vor allem entstanden, weil ich mich über Kritiker geärgert hatte, die unsere Arbeit an einem neuen Tango nicht würdigen konnten. Da habe ich zwei oder drei befreundete Autoren und Sänger angerufen, und wir haben uns ziemlich spontan entschlossen, eine CD mit guten neuen Tangos zu machen. Das war wie eine Bewegung, es kamen immer mehr Freunde dazu, und plötzlich war die CD komplett.”
In kurzer Zeit schrieb Peralta die Arrangements für sein Orquesta Típica und innerhalb eines Tages wurden dann elf Titel aufgenommen. Sie wurden von elf renommierten Sängern, die teilweise zugleich Autoren der Stücke sind, interpretiert.
Als Aufmacher wurde das poetische Manifest des neuen Tango rezitiert:
Vuelve el Tango (Der Tango kehrt zurück) vom früh verstorbenen Jorge ‚Alorsa’ Pandelucos.

Den minutiös ablaufenden Aufnahmemarathon dokumentierte Filmemacher Alejandro Diez und kombiniert dazu Interviews mit vielen der beteiligten Künstler. Dadurch wurden die Hintergründe der Musik, Texte, Lebenswelten und Ansichten der Beteiligten ausgeleuchtet und als Kommentar zur Musik gestellt.

Im zweiten Dokumentarfilm Un Disparo en la Noche 2 von 2016 wurde dieser Ansatz konzeptionell erweitert: „Wir wollten ein Panorama des heutigen Tango Canción darstellen”, erklärte uns Regisseur Alejandro Diez. Wesentlich für diese Erweiterung des Blicks war die Mitarbeit des Tangopoeten und -musikers Juan Seren, der das Drehbuch schrieb und zahlreiche Interviews mit Künstlerkollegen, Kritikern und Passanten führte.

Namhafte Gastmusiker
Wieder steht die Aufnahme der gleichnamigen CD des Orquestas Típica von Julian Peralta im Vordergrund, aber sie ist als Ausgangspunkt zu verstehen, von dem aus das Panorama aufgespannt wird. Alle interviewten Künstler wie z.B. Walter ‚Chino’ Laborde, Dolores Solá oder Alejandro Guyot sind Gastmusiker und haben ihre eigenen Projekte und ihre eigenen Wege zur neuen Tangomusik. Dadurch werden Lebensläufe, musikalische Facetten und zeitgenössische
Einflüsse auf die Entstehung der neuen Tangomusik deutlich. Diese Gespräche unter Kollegen finden in der Tagesszenerie von Buenos Aires statt. Dadurch wird einerseits spürbar, dass der aktuelle Tango sich auf die Lebensumgebung von heute beziehen will und nicht mehr Gaslaternen, Schotterstraßen und verlorene Compadritos das Bild bestimmen, sondern Großstadtverkehr, Billigmärkte und selbstbewusste Frauen. Sehr angenehm ist, dass diesen Gesprächen jede Eitelkeit und Lobhudelei fehlt. „Es ist komisch, Tangos wie in den 40er-Jahren zu machen”, sagt Dolores Solá, Frontfrau von ‚La Chicana’ zu Juan Seren, „es ist etwas Anachronistisches, etwas Gezwungenes, sehr Erzwungenes.” Sie läuft mit ihm durch das heute für Touristen hergerichtete
La Boca mit dem berühmten Caminito, wo vor einigen Lokalen Showtänzer im Compadrito-Look Cortes und Quebradas zelebrieren. „Ich denke, es ist wichtig, die Historie und die Tradition zu erhalten”, meint sie, „aber es gibt Punkte, da schlägt all dies um in eine grobe Karikatur. Da denke ich, die müssen ihr Brot verdienen, hoffentlich geht es denen gut. Was mir Sorgen macht”, sagt sie weiter, „ist, dass dies die Vorstellung von Kultur und Tango ist, die der Staat hat.”

Spannung und Rasanz

Der Film wird in drei Ebenen zusammengehalten: Musik, Drehbuch und Filmschnitt. Die Spannung und Rasanz des aufgespannten Panoramas ergibt sich vor allem aus dem Filmschnitt und den Drehbuchtexten, die sich mit dem neuen Tango beschäftigen. Die Musik selbst wird sehr souverän mal als Wie Filmschnitt und die Kommentierung durch Serens Texte die Ebenen zusammenführen, das macht die Spannung aus. Wenn ein Interview durch Filmschnitt unterbrochen wird und der volle Orchestersound von zwölf Streichern, vier Bandoneons, Piano und Kontrabass in Nahaufnahmen für
30 Sekunden im Mittelpunkt steht und dann Juan Seren im Overlay das Gespräch mit Dolores Solá kommentiert – dass wir selber der Staat sind und in ihm täglich Entscheidungen treffen – , dann wird hier deutlich, wie Musik und die gedankliche Ebene filmisch zusammengefügt werden.

Hervorragender Filmschnitt

Obwohl der Filmschnitt immer nur kurze Einspieler der Stücke präsentiert, wirkt die Musik schlüssig und nie einfach abgebrochen. Das liegt auch daran, dass die Tonspur häufig trotz des schnellen Bildschnitts gehalten wird, sodass der Wechsel zwischen konzentrierter Präsentation und Begleitmusik die Kommentierung unterstützt. Durch die Kommentare von Seren, Interviews mit Kollegen, Musikjournalisten und Passanten werden verschiedene Perspektiven entwickelt, die sowohl die Selbstreflektion der Szene darstellen wie auch die
Expertise der Kultur- und Musikjournalisten und die Haltung von Passanten und Konsumenten einfangen. Desillusionierend sind die Interviews mit Verkäufern und jungen Passanten. Danach ist der Tango insgesamt „sowas mit Gardel” und „nur was für die ältere Generation”. Neuer Tango? Piazzolla oder so. Für die befragten Musikjournalisten, die sich mit dem Tango Nuevo des 21. Jahrhunderts auseinandersetzen, ist die derzeitige Bewegung die Möglichkeit eines neuen Goldenen Zeitalters des Tango. „Kunst ist entweder Plagiat oder Revolution”, sagt einer der Kritiker, „heute haben wir so viel kreative Bewegung im Tango, das sind revolutionäre Zeiten”.



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FR 26.08.
19:30  

Kino Breitwand Gauting

SA 27.08.
14:00  
Un Disparo en la noche

AR 2012, 95 Min., FSK ab 12 Jahren
Regie:
Alejandro Diez
Filmographie:

2012 Ein Schuss in der Nacht
2009 In the deep (Series)

Un Disparo en la noche

AR 2012, 95 Min., FSK ab 12 Jahren
Regie:
Alejandro Diez
Drehbuch:
Besetzung:
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