Alice Schwarzer

Ein filmisches Porträt der Feministin und unabhängigen Intellektuellen Alice Schwarzer, die sich heute wie damals im Paris der 1970er jahre, dem Geburtsjahrzehnt der zweiten Frauenbewegung, im Kampfmodus befindet.

Seit Jahrzehnten prägt Alice Schwarzer, Ikone der Zweiten Frauenbewegung, den Diskurs um Geschlechtergerechtigkeit und polarisiert mit ihren Statements. Sabine Derflinger, die sich bereits mit DIE DOHNAL Frauenministerin /
Feministin / Visionärin einer außergewöhnlichen Frau gewidmet hat, verschränkt in ihrem neuen Film die Ebenen von Vergangenheit und Gegenwart, begleitet einen bewegten Alltag zwischen „EMMA“-Redaktion, öffentlichen Auftritten und Selbstreflexion.

„Während ich mich auf den Film mit Alice Schwarzer vorbereite, lese, wieder lese und Archivmaterial sichte, beschäftige ich mich auch mit den Kontroversen, die Alice Schwarzer ausgelöst hat. Die Beschäftigung mit ihr figuriert eine Vielheit an Stimmen und Meinungen. Das ist spannend für den Film, und dennoch gilt es, das Wesentliche ihres Schaffens im Fokus zu behalten“, schreibt Regisseurin Sabine Derflinger. Ihre biografische Annäherung beginnt sie dann auch gleich mit einem Auftritt, 1975 im WDR ausgestrahlt, der seinerzeit polarisierte und starkes mediales Echo hervorrief: Alice Schwarzer im TV-Duell mit Esther Vilar, die in ihrem Buch „Der dressierte Mann“ die Männer vor den Frauen in Schutz nahm. Im Anschluss schrieb die „Berliner Morgenpost“: „Die Emanzipiertheit von Alice Schwarzer ist von der Art, die kein Mann unterstützen möchte und von der sich auch die meisten Frauen distanzieren dürften.“ Die „Ruhr Nachrichten“ spöttelten indes: „Ihr Redefluß hätte nur durch das Herausreißen der Zunge gestoppt werden können.“
1975, da war Schwarzer schon einige Jahre mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre befreundet, ihr wichtiges Buch „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ war gerade veröffentlicht worden und bis zum Erscheinen der ersten Ausgabe von „EMMA“ waren es nur noch wenige Monate. Sabine Derflinger, die sich erst 2019 mit DIE DOHNAL Frauenministerin / Feministin / Visionärin einer außergewöhnlichen Frau gewidmet hat, setzt mit Alice Schwarzer diese Linie fort. Sie geht dabei zurück bis zu Schwarzers Anfängen als Journalistin, die sich mit großer Begeisterung auch in scheinbar unbedeutende Sachverhalte vertiefte, keinen Konflikt scheute, die Kraft der Provokation schnell begriff. Dabei erzählt ihr Film nicht chronologisch, sondern verschränkt Vergangenheit und Gegenwart miteinander, versucht, Bezüge herzustellen. Archivmaterial wechselt mit teils sehr privaten Aufnahmen, die Schwarzer beispielsweise mit Bettina Flitner zeigen, Fotografin und seit 2018 Schwarzers Ehefrau.
Darüber hinaus bezieht die Ikone der Zweiten Frauenbewegung Stellung zu ihrer kontrovers diskutierten Berichterstattung zum Kachelmann-Prozess in „BILD“, streift ihre Positionen sowohl zum politischen Islam als auch zur Prostitution. Ergebnis ist ein bewegter Fluss durch die Jahrzehnte: Alice Schwarzer als engagierte und leidenschaftliche Chefin der noch immer in Köln aufgelegten „EMMA“, als Talkshow-Host und Gast diverser Fernsehformate, in Algerien, auf einer Brücke beim Fachsimpeln mit Passanten über das beste Kölsch, in einem Münchner Hotelzimmer sich schminkend und dabei die eigene öffentliche Rezeption reflektierend. „Durch das Aufeinanderprallen der Zeitebenen können wir die Veränderung wahrnehmen und ihr Werk in einer Gesamtheit begreifen, ohne dass die Hälfte des Inhalts weggelassen wird, ohne zu polarisieren, ohne den Feminismus zu zersetzen und die Generationen von Feminist*innen zu entzweien“, so Derflinger.
(Katalogtext, cw)

Alice Schwarzer

AT 2022, 100 Min., FSK ab 12 Jahren, OV
Regie:
Sabine Derflinger
Drehbuch:
Sabine Derflinger
Besetzung:
Alice Schwarzer, Élisabeth Badinter, Jenny Erpenbeck, Jasmin Tabatabai, Franziska Becker, Henri Nannen, Rudolf Augstein, Margarete Mitscherlich, Simone de Beauvoir, Jean Paul Sartre
Kamera:
Christine A. Maier, Isabelle Casez
Filmographie:

2021 Alice Schwarzer
2021 Süsser Rausch
2020 Letzte Spur Berlin
2019 Die Dohnal
2019 Die Füchsin - Schön und tot
2019 Die Füchsin - Im goldenen Käfig
2018 Letzte Spur Berlin
2018 Die Füchsin - Spur in die Vergangenheit
2017 Anna Fucking Molnar
2015 Dämmerung über Burma
2013 Tatort - Borowski und das Meer
2012 Paul Kemp - Alles kein Problem
2012 Tatort - Angezählt
2012 Vier Frauen und ein Todesfall
2011 Hotspot
2011 Tatort - Falsch Verpackt
2010 Tag und Nacht
2008 Platz (Short)
2008 Eine von 8
2007 42plus
2006 In den Strassen von Delhi
2005 The Mozart Minute - Drei, Vier (Short)
2004 Kleine Schwester
2004 Schnelles Geld
2001 Vollgas

Sabine Derflinger kam 1963 im oberösterreichischen Vöcklabruck zur Welt. . 1991 zog Sabine Derflinger nach Wien, um an der Filmakademie Buch und Dramaturgie zu studieren. Sie arbeitete zunächst in der Filmproduktion und führte bei Dokumentarfilmen wie „Achtung Staatsgrenze“ (1996) Regie. Mit „Vollgas“ realisierte die Regisseurin 2001 ihr erstes Spielfilmprojekt. Der Film wurde auf dem Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken 2002 mit dem Förderpreis der Jury ausgezeichnet. Es folgten weitere Spielfilme wie „Kleine Schwester“ (2004), „42plus“ (2007) und „Tag und Nacht“ (2010) sowie Dokumentarfilme, darunter „In den Straßen von Delhi“ (2006), „Eine von 8“ (2008) und „Hotspot“ (2011). 2011 führte Sabine Derflinger als erste Frau bei einem österreichischen „Tatort“ Regie. 2013 übernahm Sabine Derflinger die Regie beim „Tatort: Borowski und das Meer“ aus Kiel. Neben der Regiearbeit ist Sabine Derflinger eine gefragte Jurorin bei zahlreichen Filmfestivals. Seit 2006 arbeitet sie zudem als Lehrbeauftragte an der Universität Wien.
Alice Schwarzer

AT 2022, 100 Min., FSK ab 12 Jahren, OV
Regie:
Sabine Derflinger
Drehbuch:
Sabine Derflinger
Besetzung:
Alice Schwarzer, Élisabeth Badinter, Jenny Erpenbeck, Jasmin Tabatabai, Franziska Becker, Henri Nannen, Rudolf Augstein, Margarete Mitscherlich, Simone de Beauvoir, Jean Paul Sartre
Kamera:
Christine A. Maier, Isabelle Casez
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